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pusteblume

Aus: "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier

In Wahrheit ist die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung oft von unglaublich leiser Art. Sie ist dem Knall, der Stichflamme und dem Vulkanausbruch so wenig verwandt, dass die Erfahrung im Augenblick, wo sie gemacht wird, oft gar nicht bemerkt wird. Wenn sie ihre revolutionäre Wirkung entfaltet und dafür sorgt, dass das Leben in ein neues Licht getaucht wird und eine vollkommen neue Melodie bekommt, so tut sie dies lautlos, und in dieser wunderbaren Lautlosigkeit liegt ihr besonderer Adel.

Als ich diese Zeilen las, schien mir, als wäre damit der Entwicklungs- oder Verwandlungsprozess in einer geglückten Psychotherapie beschrieben.

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TRAUMSAAT von Jorge Bucay

In der Stille meiner Gedanken
nehme ich meine ganze innere Welt wahr,
als wäre sie ein Samenkorn –
eigentlich klein und unbedeutend –
aber dennoch von Möglichkeiten strotzend.

Und in seinem Inneren sehe ich,
wie der Keim eines prächtigen Baumes –
meines Lebensbaumes- sich entfaltet.
So klein er auch ist, trägt doch jeder Same
bereits den Geist des Baumes in sich,
zu dem er später werden wird.

Jeder Same weiß, wie er Baum werden soll,
indem er auf fruchtbares Land fällt,
die nährenden Stoffe auf nimmt,
seine Äste und Blätter entfaltet,
Blüten und Früchte sprießen läßt
und zu geben, was er zu geben hat.

Jedes Samenkorn weiß,
wie es zum Baum werden wird
und Samenkörner gibt es genauso viele,

wie geheime Träume in uns schlummern,
unzählige Träume, die nur darauf warten,
keimen zu dürfen, Wurzeln zu schlagen,
und ans Licht zu gelangen
als Same zu sterben, um Baum zu werden.

Prächtige, stolze Bäume,
die uns ihrerseits mit Bestimmtheit sagen,
dass wir unserer inneren Stimme lauschen sollen,
dass wir auf die Weisheit
unserer Traumsaat hören mögen.

Sie, die Träume, zeigen uns den Weg,
durch mancherlei Zeichen und Symbole,
bei Allem, was wir tun – jederzeit –
durch Dinge und Menschen,
im Schmerz und in der Niederlage.

Das Geträumte lehrt uns,
ob wir schlafen oder wachen,
uns zu sehen, auf uns zu hören,
uns bewusst zu werden
es zeigt uns den Weg durch vage Ahnungen

oder gleißende Erkenntnisblitze.

Und so wachsen wir,
entfalten uns, entwickeln wir uns weiter
und eines Tages
während wir diese ewige Gegenwart durchschreiten,
die wir Leben nennen,
werden die Samen unserer Träume
zu Bäumen und breiten ihre Äste aus,
die wie riesige Schwingen den Himmel kreuzen
und in einem einzigen Zug unsere
Vergangenheit und unsere Zukunft vereinen.

Keine Angst!
In ihnen steckt ein inneres Wissen,
denn jedes Samenkorn weiß,
wie es Baum werden soll.

Jorge Bucay, argentinischer Psychotherapeut 
und Autor des Buches Geschichten zum Nachdenken.

Titel: “Mariposa perdida” von Laura Lopez Castro
(Album: Mi Libro Abierto)

      mariposa

Mariposa Perdida

Ein Schmetterling, eingehüllt in Fröhlichkeit, verliert sich im Wald.
Auf der Suche nach einem neuen schillernden Kleid
verliert er das Licht – zwei Wolken bedecken ihn.

Verloren, im Dunklen, suchend nach dem neuen schillernden Kleid, erkennt er schließlich,
dass er sich selbst gefunden hat.
Erkennt, dass das schillernde Kleid
nicht das einzig Wahre ist.

Und die zwei Wolken, die ihn vorher bedeckten,
begleiteten ihn schützend aus dem Wald heraus.

Titel: “Mariposa perdida” von Laura Lopez Castro
(Album: Mi Libro Abierto)